Krevese

Der Ortsteil Krevese stellt sich vor:

Foto: Ralf Engelkamp

Kirche in Krevese

Foto: Ralf Engelkamp

Herrenhaus in Krevese

Foto: Ralf Engelkamp

Klosterspeicher in Krevese

Mit seiner urkundlichen Ersterwähnung i. J. 956 ist Krevese nicht nur einer der am frühesten schriftlich bezeugten Orte des Landkreises Stendal, sondern der gesamten Altmark. Umgeben von Feldern, Wiesen und Wäldchen liegt das Dorf etwa fünf Kilometer nordwestlich von Osterburg. Krevese zählt bereits zu den größeren Dörfern der Einheitsgemeinde Osterburg, welcher es seit Juli 2009 angehört. Über die Region hinaus bekannt ist der Kreveser Orgelsommer in der ehemaligen Klosterkirche - das Spiel auf der barocken Gansen-Orgel zieht jedes Jahr Musikliebhaber von nah und fern an.


Die Gansen-Orgel und der Kreveser Orgelsommer

Die zwölf Register umfassende Orgel wurde 1721 von dem Salzwedeler Orgelbaumeister Anton Heinrich Gansen geschaffen und gilt mit ihrem nahezu authentischen barocken Klangbild als eines der bedeutendsten historischen Instrumente dieser Art in den Dorfkirchen Europas. Jeweils am ersten Sonnabend im Juni, Juli, August und September wird sie von national und international bekannten Organisten im Rahmen des Kreveser Orgelsommers zum Klingen gebracht. Aufgrund ihres nahezu originalen Klangbilds wird insbesondere die Wiedergabe historischer Orgelmusik zu einem beeindruckenden Klangerlebnis. Auf diese Weise hat sich der Orgelsommer seit 1976 zu einer festen Institution im Musikleben der Region entwickelt.


Kloster und Klosterkirche

Vermutlich kurz nach 1170 wurde durch den Grafen Albrecht von Osterburg aus dem väterlichen Erbgut das Benediktinerinnenkloster „Marienhain“ gegründet, welches wahrscheinlich auch als Grablege der Grafenfamilie diente. Zahlreiche Schenkungen der Landesherren vergrößerten im 13./14. Jh. den Besitz des Klosters. Um 1215 kam auch das Dorf Krevese dazu. 1366 verfügte Papst Urban V. sogar die Inkorporation der Osterburger Pfarrkirche, nachdem das Kloster bereits 1346 das Patronatsrecht über sie erhalten hatte. Einer der letzten Zeugen des früher umfangreichen Klosterwaldes ist die heute auf dem Wirtschaftshof der Agrargenossenschaft befindliche sogen. Tilly-Eiche.

Um die frühe Geschichte des Klosters rankt sich die „Emma-Sage“, welcher zufolge eine gegen ihren Willen zum Eintritt in das Kloster gezwungene Nonne dasselbe in Schutt und Asche gelegt haben soll. Bei ihrer Flucht sei sie dann von ihren Brüdern erstochen worden, welche daraufhin des Landes verwiesen und ihr Besitz dem Kloster übereignet worden seien. Der sogen. Nonnenstein, auf welchem das „Mordkreuz“ gestanden haben soll, befand sich noch bis zu seiner Sprengung i. J. 1858 auf Kreveser Flur.

Die Klosterkirche ist ein im Ursprung spätromanischer Bau aus dem Ende des 12. Jhdt. - eine dreischiffige Basilika ohne Querschiff. Ein vermauertes Doppelportal auf der Westseite des Langhauses lässt auf ein ursprünglich vorhandenes Westwerk mit Vorhalle schließen. Die Klosterkirche gilt als ein frühes Beispiel der Kombination von Feldstein- und Backsteinbau. Backsteine, die eine feingliedrige Bauausführung gestatteten, wurden für die Umrahmung der Fenster, bei den Arkaden und im oberen Teil der Chorapsis verwendet. Wie viele andere erlebte auch die Kreveser Kirche mehrfache Umbauten und Wiederherstellungen. Die im Mittelschiff ursprünglich vorhandene Holzbalkendecke wurde um 1350 entfernt und ein Kreuzrippengewölbe eingezogen. Auch das nachträglich bis zur Höhe des Mittelschiffs erweiterte südliche Seitenschiff erhielt 1527 ein Kreuzrippengewölbe, während im nördlichen Seitenschiff noch die ursprüngliche Backsteintonne erhalten ist. Der markante Fachwerkturm mit seiner barocken Haube (1707) wurde erst 1598 aufgesetzt. Von den ursprünglich drei Glocken ist noch eine a. d. J. 1745 erhalten. Sie trägt den Namen ihrer Stifter, des Kirchenpatrons Georg Achatz von Bismarck und dessen Gemahlin Barbara Maria Christina von Eimbeck sowie beider Kinder. Unter den Bauverzierungen im Außenbereich sind insbesondere die in der Konsole unter den Apsisfenstern abgebrachten Schreck- oder Schutzmasken interessant.

Das Kircheninnere wartet mit einer eindrucksvollen barocken Ausstattung auf. Dazu gehören neben der nahezu im Originalzustand erhaltenen Orgel (1721) der Kanzelaltar (1743/46), die verglaste Patronatsloge (vor 1744), zwei Pfarrstühle, das Gestühl im Hauptschiff (1721-1746) und ein Taufengel (1743/46). Grabsteine und Epitaphe erinnern an die letzte Domina des Klosters, Katharina von Gripern (+ 1602), vor allem aber an verschiedene Mitglieder der späteren Patronatsfamilie von Bismarck - darunter den Stammvater aller heutigen Familienzweige, Friedrich I. von Bismarck (1513-1589). Seine Grabplatte befindet sich direkt vor dem Hauptaltar. Neben dieser und dem hölzernen Epitaph des Pantaleon von Bismarck (+ 1604) und dessen Gemahlin Anna von der Schulenburg ist vor allem der Figurengrabstein des Abraham von Bismarck interessant. Er erinnert daran, dass „Anno 1589 den Sonnabent Abendt zwischen 5 und 6 … der Ehdle und Ehrenfeste Abraham von Bismarke Erbarmig ohn Ursach von Daniel von Redern“ (Bewohner der benachbarten Burg Krumke) „boslich ehrschossen“ wurde.


Vom Kloster zum Rittergut

1541 wurde das Kloster im Zuge der Reformation in ein evangelisches Jungfrauenstift umgewandelt, welches nach dem Tod der letzten Insassin (1602) aufgehoben wurde. Der Klosterbesitz wurde vom brandenburgischen Kurfürsten zunächst verpfändet, jedoch kurz nach 1558 wieder eingelöst und in einen selbständigen Gutsbezirk umgewandelt, welcher sich im Besitz des Kurprinzen Johann Georg befand. 1562 wurde das Klostergut dann an die Familie von Bismarck im Zwangstausch gegen deren Schloss Burgstall übertragen.

Zum ehemaligen Klosterbesitz zählten damals 13 Eigendörfer sowie umfangreiche weitere Besitzungen und Einkünfte. 1725 ließ Christoph Georg von Bismarck - wohl unter Einbeziehung eines der ehemaligen Klostergebäude - das barocke Herrenhaus errichten. Die beiden Seitenflügel auf der Südseite stammen aus späterer Zeit. Die übrigen Gebäude des ehemaligen Klosters wurden 1853 bis auf ein Wirtschaftsgebäude und die Kirche abgetragen. Schon 1819 war der größte Teil des Guts an die Familie von Jagow auf Scharpenhufe gelangt. Von 1860 bis 1945 war es im Besitz der aus Calbe/S. stammenden Familie Brückner. Die jahrhundertelange Prägung des Ortes durch das Kloster und später die Familie von Bismarck veranlasste die damals noch selbständige Gemeinde Krevese i. J. 2005 zur Aufnahme entsprechender Symbole in ihr neu geschaffenes Ortswappen. Dabei stehen die romanische Säule für das Kloster, das Kleeblatt sowie die Tinkturen Blau-Silber hingegen für die Familie von Bismarck.


Vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts

Um 1800 entsprach die wirtschaftliche und soziale Struktur der Bevölkerung in Krevese noch ganz den spätfeudalen Verhältnissen. So gab es fünf Ganz- und vier Halbbauernhöfe, zwei Kossatenhöfe, aber auch acht landlose Büdner- und fünf zur Miete wohnende Einliegerfamilien. Während die Separation der Ländereien und die Ablösung der feudalen Berechtigungen in Preußen allgemein in der ersten Hälfte des 19. Jhdt. erfolgte, wurde dieser Weg in Krevese schon wesentlich früher beschritten:  Bereits 1783 wurden in einer ersten Separation die Ackerflächen des Gutes von denen der Bauern getrennt. Auch die feudalen Dienste und Abgaben wurden schon 1818 aufgehoben, als das Gut durch die Bauern der dienstpflichtigen Dörfer aufgekauft wurde. Diese konnten es jedoch gemeinschaftlich nicht halten, so dass der Grundbesitz durch Teilverkäufe noch weiter vereinzelt wurde. In diesem Zuge gelangte das frühere Hauptgut bereits 1819 durch erneuten Verkauf an die Familie von Jagow auf Scharpenhufe. Mit der Separation der 1840er Jahre wurden schließlich die zuvor noch dem Flurzwang unterworfenen bäuerlichen Ländereien voneinander getrennt und das individuelle Wirtschaften möglich. Außerdem schufen die preußischen Reformen der ersten Hälfte des 19. Jhdt. die Grundlage für den freien Grundstücksverkehr einschließlich Besitzteilungen und -vergrößerungen. Dies führte zusammen mit anderen Faktoren seit der Mitte des 19. Jhdt. zu einem bedeutenden Aufschwung der Landwirtschaft.

Gleichzeitig war das 19. Jhdt. durch ein recht starkes Bevölkerungswachstum gekennzeichnet. Begleiterscheinung dieser Prozesse war aber auch eine zunehmende soziale Differenzierung. All diese Entwicklungen lassen sich auch in Krevese beobachten. Landarme Kossaten erwarben zusätzliche Flächen und neue sogen. Grundsitzerstellen entstanden. Hatte das Dorf um 1800 noch 177 Einwohner gehabt, so waren es 40 Jahre später bereits 298 und um 1860 etwa 370. - In 60 Jahren hatte sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppelt! Damals lebten mehr als ein Drittel der Einwohner im Gutsbezirk, knapp zwei Drittel in der Gemeinde. Guts- und Gemeindebezirk waren mit ca. 566 bzw. 590 Hektar etwa gleich groß. Das prozentuale Verhältnis zwischen Guts- und Dorfbewohnern blieb auch bis zur Jahrhundertwende in etwa bestehen. Zu Beginn des 20. Jhdt. stieg vor allem die Einwohnerzahl des Dorfs weiter an, während sie auf dem Gut etwas zurückging (1912: Gut: 104, Dorf: 261). In den folgenden Jahrzehnten vor dem II. Weltkrieg pegelte sie sich dann bei insgesamt etwa 325 ein. Das Kreveser Herrenhaus auf einer Ansichtskarte vom Beginn des 20. Jhdt.

Das Gut war im Jahre 1860 von der Familie Brückner aus Calbe/Saale erworben worden, in deren Besitz blieb es bis 1945. Zu Beginn des 20. Jhdt. umfasste der Gutsbetrieb knapp 400 Hektar. Mit 154 Rindern, 313 Schafen und 126 Schweinen (Stand 1913) gehörte eine bedeutende Viehhaltung dazu. Für den wirtschaftlichen Aufschwung von Krevese um die Jahrhundertwende waren u. a. der Bau der Dampfmolkerei (1897/98) und der Chaussee nach Osterburg sowie der Anschluss an das Bahnnetz über den Kleinbahnhof im benachbarten Stapel (1908) von Bedeutung.


Entwicklung während der Nachkriegszeit und in der DDR

Schon ab 1943 hatten insgesamt mehr als 200 ausgebombte Hamburger und Berliner in Krevese Zuflucht gefunden, 1945/46 kam eine Vielzahl von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen aus den deutschen Ostgebieten und dem Sudetenland hinzu. Offiziell hatte Krevese im Oktober 1946 497 Einwohner, zeitweilig waren jedoch mehr als 1000 Personen registriert. Im Zuge der Bodenreform wurde im September 1945 neben dem Gut der Familie Brückner mit knapp 350 Hektar auch ein kleinerer Grundbesitzer aus dem Ort (9,5 ha) als sogen. „aktiver Nationalsozialist“ enteignet. Aus dem Bodenfonds wurden in Krevese 22 Voll- und 35 Kleinsiedlerstellen geschaffen. Bis Ende 1945 war der größte Teil des Guts bereits aufgesiedelt, einen Teil behielt zunächst die sowjetische Armee zur Selbstversorgung. Einige der Siedlerhäuser im Dorf und vor allem im ehemaligen Gutsbereich sind als solche noch heute erkennbar. In das Schloss zog zeitweilig die Kreisparteischule der SED ein, ab 1953 diente es als Schule.

Die 1950er Jahre standen auf dem Lande ganz im Zeichen der sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft. Anfang 1953 wurde von zehn Bauern und 5 Neusiedlern die erste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft „Neuer Weg“ gegründet. Dies war bereits eine Genossenschaft vom Typ III, in welche nicht nur die landwirtschaftlichen Flächen, sondern auch Gebäude sowie das lebende und tote landwirtschaftliche Inventar eingebracht wurden. Unter erheblichem politischem Druck gründeten die verbliebenen Einzelbauern im sogen. „Sozialistischen Frühling“ des Jahres 1960 die LPG mit dem vielsagenden Namen „Freies Leben“. Mit dem Typ I wählten sie dabei das kleinstmögliche „Übel“, denn hierbei wurde nur der Boden gemeinsam bewirtschaftet. Schon in den 1960er Jahren erreichte die Kreveser Genossenschaft (III) Spitzenpositionen bei der Milchproduktion des Kreises Osterburg.

Die zweite Hälfte der 1960er Jahre war in der Landwirtschaft durch die Bildung von Kooperationsgemeinschaften gekennzeichnet. In einer solchen KOG waren auch die beiden Kreveser Genossenschaften mit jenen von Zedau, Dequede, Röthenberg, Polkern und Krumke vereint. Die Kooperationen wurden in den folgenden Jahrzehnten ausgebaut und vertieft, die einzelnen Genossenschaften spezialisierten sich in deren Rahmen auf Tier- oder Pflanzenproduktion. In Krevese entstand 1978 je eine Genossenschaft beider Ausrichtungen, welche in der Kooperation Krevese zusammengeschlossen waren. Ende der 1980er Jahre bewirtschaftete sie 2.174 Hektar. 1981 nahm eine moderne Milchviehanlage mit 672 Stellplätzen den Betrieb auf. Außerdem war Krevese ein Standort der ZGE Schweineproduktion Ballerstedt. Auch in territorialpolitischer Hinsicht lag die Schaffung größerer Einheiten im Trend. 1974 wurde die Gemeinde Dequede mit Röthenberg und Polkern nach Krevese eingemeindet.


Entwicklung seit der politischen Wende von 1989/90

Die „Wende“ brachte zwar die lang ersehnte Demokratie und Freiheit, im Alltagsleben waren jedoch zunächst erhebliche Umbrüche zu verkraften. Zwar vereinigten sich bereits Ende 1989 die beiden spezialisierten Genossenschaften mit insgesamt 286 Mitgliedern wieder, zum Zeitpunkt der Eintragung ins Genossenschaftsregister Anfang 1992 waren es jedoch nur noch 173. Die Agrargenossenschaft ist als moderner Landwirtschaftsbetrieb nach wie vor ein bedeutender Arbeitgeber, welcher u. a. eine Milchviehanlage mit mehr als 1000 Tieren betreibt. Insgesamt führte die Entwicklung jedoch zu einem erheblich gesunkenen Arbeitskräftebedarf in der Landwirtschaft wie auch in den gewerblichen Betrieben der Umgebung, z. B. im nahen Osterburg. So bedeutete die Wende anfangs auch für Krevese eine hohe Arbeitslosigkeit.

Dies beschleunigte die negative demografische Entwicklung erheblich (1991: 319; 2015: 253), wie es auch in der gesamten Region der Fall war. In der Folge wurde die bis dahin zehnklassige Schule im historischen Herrenhaus bereits 1990 zur Grundschule umstrukturiert und 1993 schließlich auch diese geschlossen. Einkaufsmöglichkeiten vor Ort verschwanden. Unter anderem die Dorferneuerung und Investitionen in die Infrastruktur haben dazu beigetragen, dass es sich in Krevese auch heute gut leben lässt. Der frühere Kindergarten wurde zu einem schönen Dorfgemeinschaftshaus umgebaut, viele private Gebäude saniert. Am „Weingarten“ entstand ein neues Wohngebiet. Am Mühlenberg wurde nach der Jahrtausendwende ein moderner Windpark errichtet. Auch in das inzwischen wieder in Privatbesitz befindliche Schloss ist neues Leben eingezogen - es dient seit einigen Jahren nicht nur wieder als Wohnhaus, sondern beherbergt auch ein Designatelier. Gleichzeitig ist es zu einer gern genutzten Stätte kultureller Begegnung geworden. Durch den Förderverein Gansenorgel wurde und wird nicht nur die Sanierung der ehemaligen Klosterkirche vorangetrieben, sondern der Kreveser Orgelsommer auf ein neues Niveau gehoben. Daneben engagieren sich der Landfrauenverein und die Freiwillige Feuerwehr für das kulturelle und gesellige Leben im Dorf.


Text: Corrie Leitz (Historikerin)
Diese Ortsbeschreibung wurde mit freundlicher Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt im Rahmen des Tourismusprojektes 2015-2017 erstellt.

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